Man stelle sich eine Frau in einer Bar vor: Groß, schlank, ihre Haare eine Flut an schwarzen Locken. Gekleidet ist sie in einem elegant geschnittenen Hosenanzug, mit dunkelroter Bluse. Sie sitzt entspannt auf einem Barhocker, mit einem Gin Tonic vor sich. Obwohl sie offensichtlich allein ist, traut sich niemand so richtig an sie heran. Einen Anwärter, der ihr ein Getränk bestellen wollte, hat sie schon abblitzen lassen. Doch schließlich tritt doch jemand an sie heran. Lässig fragt er sie "Sind die Haare echt oder eine Perücke?"

In der sogenannten Seduction oder Pickup Community nennt man das einen neg-hit, kurz für negative hit. Dabei sagt ein Mann – möglichst gleich zu Beginn der Konversation – auf spielerische Art und Weise etwas Negatives über eine eigentlich sehr attraktive Frau. In diesem Fall enthält der Kommentar über die Haare der Frau eine negative Komponente, denn es wird angedeutet, dass die Haare falsch aussehen.

Der Sinn des Ganzen? Damit soll Dominanz über die Frau hergestellt werden. Sie soll von ihrem hohen Ross (denn sie weiß ja, dass sie attraktiv ist) heruntergeholt werden. Der Mann positioniert sich damit als ein Alphamännchen mit extrem hohen Standards und macht sich damit unwiderstehlich für sein Flirtobjekt. Er hebt sich ab, gegenüber all den 'Losern', die ihr nur langweilige Komplimente machen und sich damit sofort als erbärmlich outen.

Klingt unsympathisch? Ist es auch. In der Pickup Community werden eine ganze Reihe von problematischen Annahmen gemacht, zum Beispiel:

  • Die gesellschaftlichen Rollen für Männer und Frauen, insbesondere was Flirten und Dating betrifft, werden nicht hinterfragt.
  • Frauen werden ausschließlich anhand ihrer Attraktivität beurteilt.
  • Es wird ein ungleiches Verhältnis zwischen Männern und Frauen vorausgesetzt, in dem Männer Frauen dominieren müssen.

Aber mal ganz abgesehen von diesen gesellschaftlich problematischen Annahmen gibt es noch einen anderen Grund, die Finger von den Methoden der Pickup Artists zu lassen. Zumindest dann, wenn Sie auf der Suche nach Liebe und Beziehung statt Onenightstand sind. Und das ist schließlich das, was die meisten von uns möchten – 72 Prozent der Deutschen glauben an die Liebe für's Leben (Quelle: beraterteam.info).

Die Frage ist nun, ob man die Liebe für's Leben wirklich mit manipulativen Taktiken findet. Zumindest ist es nicht gerade ein guter Start für eine Beziehung. Ein weiteres Problem ist, dass die Pickup Techniken so sehr auf Attraktivität aufbauen: Das Ziel ist es, einen Partner zu finden, der möglichst dem Schönheitsideal entspricht. Gemeinsamkeiten im Charakter und ähnliche Interessen werden außer Acht gelassen und so dem Zufall überlassen. Gerade diese Dinge sind es jedoch, die eine langfristige Beziehung stützen.